Motto
Das Motto des nächsten Tags der Geschichtswissenschaft steht fest:
Rückschritte – Fortschritte.
Alle Infos zum Call finden Sie hier.
Die Frage nach Fortschritten und Rückschritten führt ins Zentrum historischen Denkens. Die moderne Vorstellung von Geschichte lebt von der Spannung zwischen der Erwartung einer besseren Zukunft und des Verlusts einer besseren Vergangenheit. Auch vormoderne Epochen und außereuropäische Räume werden oft aus dieser Perspektive heraus interpretiert. Gleichzeitig wird dadurch überdeckt, dass diese Sicht keineswegs zwingend ist, wie in anderen Epochen und im globalen Vergleich durchaus verbreitete zyklische Modelle nahelegen. Die Grundannahmen des Fortschritts- bzw. Rückschritts-Paradigmas, das stets die Verluste und Gewinne der Geschichte zu bilanzieren sucht, sind gegenwärtig ins Rutschen geraten, worauf die Geschichtswissenschaft reagieren muss. Nicht zuletzt lebt der öffentliche Nimbus der Geschichtswissenschaft als Deutungswissenschaft von der ihr zugeschriebenen Fähigkeit, historische Rückschritte und Fortschritte identifizieren zu können und damit Orientierung oder Legitimation zu bieten. Kritik am Fortschritts- und Rückschritt-Paradigma, nicht zuletzt auch aus der Geschichtswissenschaft selbst heraus, legt somit die Axt an die Grundlage ihrer öffentlichen Reputation. Darauf sollte die Geschichtswissenschaft kreativ reagieren, will sie nicht riskieren, bedeutungslos zu werden.
Das diesjährige Rahmenthema wirft somit nicht weniger als die Frage nach den Grundannahmen historischer Analysen und Deutungen auf. Ein grundlegendes Deutungsmuster, das stark an die europäische Moderne gekettet ist, soll in Heidelberg transepochal und globalhistorisch hinterfragt werden. Wie können wir die Vergangenheit mit – oder gar ohne – Kategorien des Rückschritts und Fortschritts denken? Wie werden teleologische Erzählmuster politisch und gesellschaftlich zur Vermittlung von Geschichte genutzt? Ergeben sich neue Perspektiven durch das epochenübergreifende Gespräch und eine stärker globale Zugangsweise? Welche historischen Erzählungen kann die Geschichtswissenschaft angesichts eines immer stärker kulturkämpferisch aufgeladenen politischen Klimas dann bieten? Welche offenen oder verborgenen normativen Grundannahmen leiten unsere Disziplin, und welche Kehrseiten einer als fortschrittlich postulierten Entwicklung übersehen wir, etwa mit Blick auf marginalisierte Gruppen? Und welche Aufgaben ergeben sich daraus für die Geschichtswissenschaft angesichts eines Umfelds, in dem sie sich selbst immer stärkeren Gefährdungen ausgesetzt sieht und auch demokratische politische Systeme unter neuen gefährlichen Druck geraten?
Neben Sektionsvorschlägen zu diesem Motto sind auch Sektionsvorschläge zu anderen Themen möglich. Der Tag der Geschichtswissenschaft ist ein Ort des Diskurses, an dem auch die großen Fragen der Geschichtswissenschaft und unserer Zeit kontrovers diskutiert werden. Deshalb wünschen wir uns Sektionen, die übergreifende Fragen und Debatten behandeln. Der Verband fordert seine Mitglieder auf, den Heidelberger Tag der Geschichtswissenschaft zu einem Forum aktueller Geschichtsforschung über Epochen, Themen und Methoden hinweg zu machen und so den Stand der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft in ihrer Breite und Vielfalt abzubilden. Beiträge, die benachbarte Fächer einbinden, digitale Methoden präsentieren und über Europa hinausgehen, sind besonders herzlich willkommen.